Kapitel 1: Chrom-Fieber in Neo-Bonn
Neo-Bonn im Jahr 2187 war kein Ort für Zartgefühl. Es war ein Moloch aus Stahlbeton und Neonlicht. Ob Chrom oder Haut – der giftige Regen machte keinen Unterschied zwischen Arm und Reich.
Fleur gehörte zur Elite der „Glänzenden“. Als hochrangige Extraktions-Agentin im Dienst des Aether-Tech-Konzerns war ihr gesamter Körper eine perfekt abgestimmte, wandelnde Kampfmaschine. In den düsteren Winkeln der Schattenforen flüsterten sie ehrfürchtig ihren Codenamen: „Fleur de Glace“ – Eisblume. Wunderschön, tödlich und gefühllos.
Doch an diesem Abend, nach einem brutalen Einsatz im verseuchten Sektor Delta, fühlte sich Fleur nicht wie Eis. Ihr Innerstes fühlte sich an wie eine zerbrechliche Glasmatrix, kurz davor, unter dem immensen Druck ihrer eigenen Existenz in eine Unendlichkeit aus schillernden Scherben zu explodieren. In ihrem Penthouse-Atelier, hoch über dem Lärm der Straße, zitterten ihre Hände. Nicht vor Angst, sondern wegen einer synaptischen Rückkopplung. Ihre militärischen Implantate, die sie übermenschlich schnell und stark machten, forderten ihren Tribut. Ihr organisches Nervensystem stand kurz vor dem Kollaps; ein „Chrom-Fieber“, das Schmerzblocker nicht mehr lindern konnten. Ihr eigener Körper war zum Schlachtfeld geworden.
Kapitel 2: Wenn die Seele den Code umschreibt
Sie brauchte eine Lösung, die nicht in einem Konzernlabor zu finden war. Während ihre Servomotoren bei jeder Bewegung protestierten, durchforstete Fleur auf der Suche nach Linderung für psychosomatische Trauma-Schleifen uralte, fragmentierte Datenbanken des dunklen Netzes.
Dort, versteckt hinter Terabytes an veralteter Unterhaltung und Verschwörungstheorien aus dem 21. Jahrhundert, fand sie es: Ein beschädigtes Datenpaket über „Somatic Centering“ und Ashtanga (Vinyasa) Yoga. Keine mystische Offenbarung, sondern eine trockene, biomechanische Anleitung zur Wiedererlangung der Körperkontrolle durch Atem und Haltung.
Es gab keine alte Meisterin, die sie anleitete. Es gab nur Fleur, allein in der Stille ihres Ateliers, die gegen Zentner von hydraulisch verstärktem Stahl ankämpfte. Die ersten Versuche waren qualvoll. Ihr Körper war für Explosivität gebaut, nicht für Dehnung. Als sie versuchte, ihre massiven Schulterimplantate in die Paschim Namaskarasana (die rückwärtige Gebetsstellung) zu zwingen, hätte der Druck beinahe ihre künstliche Wirbelsäule zertrümmert.
Doch in dem Moment, als der Schmerz am größten war, erlebte sie eine Sekunde absoluter Stille. Das neurotische Summen ihrer Systeme verstummte. Sie hatte nicht die Maschine besiegt, sondern sich mit ihr synchronisiert. Fleur de Glace begann zu schmelzen.
Kapitel 3: Die Anomalie namens Myxis
Myxis war keine Fundsache. Myxis war Beute. Fleur hatte die kleine, katzenartige Drohne mit den leuchtend roten Optiken während ihres letzten Einsatzes aus einem zerstörten Forschungszentrum von Aether-Tech mitgenommen – eigentlich, um ihre fortschrittliche KI auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen.
Während Fleur ihre nächtlichen, schmerzhaften Routinen perfektionierte, kauerte die beschädigte Einheit in der Ecke, die roten Optiken starr auf sie gerichtet. Eines Abends, als Fleur tief in der Paschim Namaskarasana verweilte und versuchte, die kybernetische Starre ihrer Wirbelsäule in eine fließende Bewegung zu verwandeln, geschah das Unvorhersehbare: Die Drohne rappelte sich auf.
Mit funkensprühenden Gelenken und dem leisen Surren seiner Servos imitierte Myxis die fließende Krümmung ihres Rückens. Es war keine Programmierung; es war eine Anomalie – ein kinetisches Echo ihres eigenen Erwachens. Fleur reparierte Myxis nicht, um ein Haustier zu besitzen, sondern weil sie in der beschädigten Maschine ihren eigenen Kampf erkannte: den Versuch, einem Körper aus Stahl organische Anmut einzuhauchen. Myxis wurde zu ihrem Spiegelbild in Chrom. In diesen Momenten der Stille, die sie später „Cyber-Sadhana“ taufte, war die Drohne ihr erster und loyalster Schüler.
Kapitel 4: Systemfehler
Die Veränderung blieb nicht unbemerkt. Fleurs Effizienz bei Einsätzen stieg, doch ihre Brutalität nahm ab. Sie tötete nicht mehr, wenn eine Neutralisierung reichte. Schlimmer noch für Aether-Tech: Ihre regelmäßigen neuro-chemischen Anpassungen – die Drogen, die Agenten loyal und aggressiv hielten – wirkten nicht mehr. Ihr durch Yoga veränderter Stoffwechsel und ihr fokussierter Geist verbrannten die Substanzen, bevor sie greifen konnten.
Der Konzern diagnostizierte einen „kritischen Loyalitätsfehler“. Sie schickten kein Kündigungsschreiben, sondern ein dreiköpfiges „Reinigungsteam“ – schwerere Cyber-Söldner als sie selbst –, um das defekte Produkt Fleur de Glace zu terminieren.
Der Kampf in ihrem Atelier dauerte keine drei Minuten. Sie benutzte keine Waffen. Sie bewegte sich nicht wie eine Soldatin, sondern wie Wasser, das um Felsen floss. Sie wich Schlägen aus, die Betonwände zertrümmerten, mit einer fließenden Präzision, die ihre Gegner verwirrte. Sie nutzte das Gewicht ihrer eigenen Angreifer gegen sie, leitete ihre kinetische Energie um und deaktivierte ihre Hauptsysteme mit chirurgischen Griffen an neuralen Knotenpunkten. Es war die tödlichste Form von Yoga, die die Welt je gesehen hatte.
Als der letzte Angreifer zuckend am Boden lag, stand Fleur atmetief in der Tadasana (Berghaltung) über ihm. Ihr Puls war ruhig. Sie war keine Maschine mehr, die Befehle ausführte. Sie war erwacht.
Kapitel 5: Das stille Auge des Sturms
Fleur de Glace wurde zur Legende, nicht weil sie die Konzerne stürzte, sondern weil sie ihnen entkommen war, ohne die Stadt zu verlassen. Sie kappte ihre Verbindung zu Aether-Tech und tauchte in die Schatten ab.
Ihr Atelier ist heute ein offenes Geheimnis. Es ist kein Pilgerort für Massen, sondern eine Zuflucht für jene „Glänzenden“, deren Seelen unter dem Gewicht des Metalls zu zerbrechen drohen – ausgebrannte Hacker, traumatisierte Söldner, defekte Androiden. Fleur lehrt sie nicht, die Technologie abzulehnen, sondern sie zu beherrschen, indem man zuerst den Geist beherrscht.
Wenn die Sonne über dem Smog von Neo-Bonn untergeht und die Stadt in ein Meer aus toxischem Violett taucht, steht Fleur oft am Panoramafenster. Myxis sitzt auf ihrer Schulter, die roten Optiken nun ein ruhiges, stetiges Licht. Fleur de Glace lächelt selten, aber wenn sie es tut, ist es echt. Sie weiß, dass der Lärm draußen niemals aufhören wird. Aber sie hat gelernt, die Stille in sich selbst zu tragen – eine Festung, die kein Konzern der Welt stürmen kann.
Das Ende. Oder vielleicht der Anfang?
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